Der Fußballer Sergej Barbarez wollte seine Verwandtschaft für zwei Wochen in Hannover besuchen. Doch dann brach in seiner Heimat Krieg aus. Aus 14 Tagen wurden mehr als 20 Jahre in Deutschland.

Wenn er Glück hat, könnte er noch National-Trainer werden. In Bosnien-Herzegowina, dem Land, das er vor 20 Jahren verlassen hat. Noch sind es nur Gerüchte – aber in seiner Karriere ist es für Sergej Barbarez immer gut gelaufen. Und das liegt auch daran, dass ihn einst der Krieg aus seiner Heimat trieb.

Sein Verein war der FK Velez Mostar. Der Traditionsklub der Stadt, in der Barbarez 1971 geboren wurde. „Der Verein war schon eine Nummer im früheren Jugoslawien und jeder Junge träumte davon, dort zu spielen“, erinnert sich Barbarez. Auch er. Velez konnte durchaus mit den großen Teams aus Belgrad oder Split mithalten, zweimal gewann man sogar den nationalen Pokal.

Der Rückflug ist gebucht

Als Barbarez zu alt für die A-Jugend ist, wird sein Traum Realität. Er bekommt bei Velez einen Vertrag, spielt ab sofort für das Profiteam. „Ich dachte, ich geh erst zur Armee, weil das für ein Jahr Pflicht war. Dann bin ich mit 19 fertig und kann Profifußballer in meiner Heimat sein.“

Diese Überlegungen stellt Barbarez vor 1992 an. Vor dem Jahr, in dem der Bosnienkrieg beginnt. Der heute 43-Jährige erinnert sich gern an seine unbeschwerte Zeit in seiner Geburtsstadt. Die großartige Jugendschule bei dem Verein habe den Grundstein für seine spätere Karriere gelegt. Eine Karriere, die er nicht in Bosnien machte: „Ohne den Krieg wäre ich nie nach Deutschland gekommen.“

Seine letzten Spiele für Velez macht Barbarez 1991, kurz bevor Mostar im Chaos der Balkan-Kriege versinkt. Es ist Winterpause, und er packt seine Reisetasche. Gerade groß genug, um Geschenke für Onkel und Tante und Wechselklamotten zu verstauen. Zu klein, um persönliche Gegenstände mitzunehmen. Die braucht er auch nicht. Er besucht seine Verwandten in Hannover, der Rückflug ist in zwei Wochen vom Hamburger Flughafen nach Sarajewo gebucht.

Barbarez sieht zum ersten Mal Kunstrasen

In Hannover schlägt ihm sein Onkel Mujo Niksic vor, mit ihm spazieren zu gehen. Sie fahren zum Eilenriedestadion, wo die Amateure von Bundesligist Hannover 96 trainieren. „Ich habe am 4. Januar 1992 zum ersten Mal in meinem Leben Kunstrasen gesehen“, erinnert sich Barbarez. Sein Onkel habe ihn damals aufgefordert: „Komm schon, trainiere ein bisschen mit den Jungs.“ Wie sich dann rausstellt, hatte sein Onkel im Vorwege ein Probetraining mit Coach Frank Pagelsdorf vereinbart.

Pagelsdorf ist von dem Jungen aus Bosnien derart begeistert, dass er ihn sofort verpflichtet. Barbarez versteht das alles nicht, wendet sich an seinen Onkel: „Bist du verrückt? In zwei Tagen fahre ich zurück nach Hause.“ Niksic erklärt ihm, dass er in Deutschland bleiben müsse. Das sei alles mit meinem Vater so abgesprochen. In Kroatien war schon Krieg, in Slowenien auch, und in Bosnien stand er kurz bevor. „Wenn der Vater das so entscheidet, dann muss man das akzeptieren.“

Distanz gewinnen

Während Barbarez in Hannover sein Glück versucht, erlebt seine Heimat eine unfassbare Welle der Gewalt. Muslimische Bosniaken und bosnische Kroaten kämpfen zunächst gemeinsam gegen bosnische Serben, später dann gegeneinander. Es wird ein Konflikt der Religionen vorgeschoben. Orthodoxe gegen Muslime. Barbarez kann das bis heute nicht verstehen: „Meine Mutter ist Kroatin und Muslimin, mein Vater ist orthodoxer Serbe, das ist doch alles egal.“ Gesicherte Zahlen über die Opfer des Kriegs gibt es nicht – das bosnische Untersuchungs- und Dokumentationszentrums IDC hat 2007 die Zahl von 97.207 Toten ermittelt. Barbarez ist einer der rund zwei Millionen Menschen, die das Land verlassen haben. Anders als er mussten die meisten fliehen oder wurden vertrieben.

in Deutschland leben ist Kampf

Die ersten drei Monate ist er allein in Deutschland. Er fühlt sich einsam, ist kurz davor, einfach zurück zu gehen. Egal, wie gefährlich es in Bosnien ist. Dort ist Krieg, ein Leben in Deutschland ist Kampf. Gegen Heimweh, Einsamkeit und Vorurteile. „Das war nicht einfach. Ich war ja ein Muttersöhnchen.“

Dann kommen erst seine Schwester, sein Schwager und seine heutige Frau nach, ein halbes Jahr später auch sein Vater. Seine Mutter bleibt in Mostar. Sie will auf das Haus aufpassen. „Das war schon leichtsinnig. Aber wir haben damals nicht glauben können, dass der Krieg noch so lange dauern würde.“ Zu fünft teilen sie sich eine Wohnung. Barbarez verdient 1500 DM, die Wohnung kostet 1300 DM. „Wir mussten uns zwei Jahre lang durchschlagen. Aber der Krieg gab mir die Chance auf ein gutes Leben.“

Und die Chance ergreift er. Mit Pagelsdorf hat er bei 96 einen Trainer, der ihn schätzt und fördert. Nach einem Jahr folgt er seinem Coach erst zu Union Berlin, dann zu Hansa Rostock. Danach ein Intermezzo unter Michael Skibbe bei Borussia Dortmund – bis Pagelsdorf wieder anruft: Er will seinen Spielmacher zum Hamburger SV lotsen. An der Elbe entwickelt sich Barbarez zum Star und Fanliebling. 2001 wird er nach 22 Treffern zusammen mit Ebbe Sand zum Torschützenkönig gekürt.

Die Nationalmannschaft ruft

In der Bundesliga macht er einen Schritt nach dem nächsten und eines Tages möchte ihn auch Berti Vogts für die deutsche Nationalmannschaft gewinnen. Er hat in Deutschland eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, spielen will Barbarez aber nur für das Land, in dem er geboren wurde. Bereits 1996 bekommt er etliche Einladungen der bosnisch-herzegowinischen Nationalmannschaft, doch auch die lehnt er ab. Er sieht das Leben seiner Mutter in Bosnien noch in Gefahr. Barbarez’ Bedingung: Erst wenn seine Mutter wirklich sicher sei, wolle er für sein Land auflaufen. Seine Stimme wird gehört. Die Politik schaltet sich ein und stellt seine Familie unter ihren Schutz.

Mit 26, sieben Jahre nachdem er sein Land verlassen hat, debütiert er in der Nationalmannschaft – und kehrt das erste Mal nach Mostar zurück. „Einerseits war ich überglücklich, andererseits war es furchtbar, zu sehen, wie zerstört alles war.“ Die Stari most, die „Alte Brücke“ – einst namensgebendes Wahrzeichen der Stadt – völlig zerbombt. Der Großteil seiner Freunde von früher – alle verschwunden. Bis heute ist Mostar de facto geteilt - in einen kroatischen Teil im Westen und einen muslimischen Teil im Osten. Dazwischen liegt die einstige Frontlinie. Seinen beiden Söhnen hat er bewusst Namen gegeben, die nicht auf bosnische, serbische oder kroatische Abstammung hinweisen: Filip und Sergio. Er hat die Unruhen nicht direkt erlebt. Trotzdem zögert Barbarez nicht zu sagen, dass auch er eine Kriegsbiographie hat: „Der Bürgerkrieg prägt mich bis heute.“

Nach 49 Spielen als Kapitän der Nationalmannschaft und 330 Bundesligaspielen beendet Barbarez 2008 seine Karriere bei Bayer Leverkusen und zieht zurück nach Hamburg. Er kickt nur noch bei Promispielen und wird immer häufiger beim Pokern gesehen. Vor vier Jahren legte er in Bosnien sein Trainer-Diplom ab. Er ist in Warteposition, ein Engagement bei der bosnischen Nationalmannschaft käme also gerade recht. Nach dem Rauswurf von Safet Susic wird ein Nachfolger dringend gesucht. Bisher habe noch keiner mit ihm Kontakt aufgenommen, sein Name tauche bei dem Thema dauernd in der Presse auf. Das sei nicht weiter schlimm, sagt er: „Ich habe mein Glück ja schon gefunden.“

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