Mit 15 Jahren bekam Carsten Peter seine erste Kamera. Heute arbeitet der Profi in Extremsituationen.

Alltäglich sehen wir atemberaubende Fotos von Naturkatastrophen und verzauberten Orten. Wir sehen diese Bilder mit einer Selbstverständlichkeit und sind erstaunt, entsetzt und fasziniert. Doch selten stehen die Menschen, die diese Fotografien anfertigen, im Mittelpunkt. Sie begeben sich für die Bilder oft in Gefahr und riskieren für Fotos ihr eigenes Leben. 1weiter.net hat mit dem deutschen Extremfotografen Carsten Peter (55) gesprochen, der im Auftrag von „National Geographic“ in Vulkanschlunde klettert, Tornados jagt, Wüsten durchquert, in Gletscher und Höhlen hinabsteigt. Er gewährt einen Einblick in sein Schaffen und die Gefahren, die damit verbunden sind. Für seine Arbeit ist er bereits mit dem World Press Award ausgezeichnet worden

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Carsten Peter: Als 15-Jähriger habe ich meine erste Kamera geschenkt bekommen und war gleich besessen davon. Ich wollte alles fotografieren, was mich fasziniert hat und habe dann so lange rumgetüftelt, bis die Ergebnisse mir getaugt haben. Ich war von Anfang an sehr selbstkritisch und habe mich so laufend verbessert. Ich bin also reiner Autodidakt - wie viele andere professionelle Fotografen auch.

Mit welchen Motiven haben Sie damals angefangen?

Es war eigentlich witzig. Ich habe alle Bücher verschlungen und dann genau mit dem angefangen, wovor immer gewarnt wurde: Man darf nicht in die Sonne fotografieren – also habe ich nur in die Sonne fotografiert. Außerdem hat man davor gewarnt, wie schwierig Makrofotografie ist. Ich habe mit dem Schwierigsten angefangen, aber schon beim ersten Film ganz ansehnliche Ergebnisse produziert. Vor allem war ich immer sehr selbstkritisch, habe viele Dinge nicht durchgehen oder gelten lassen und immer wieder versucht, mich zu verbessern.

Glauben Sie, dass man gewisse Veranlagungen für die Fotografie mitbringen muss oder dass man sich alles beibringen kann?

Ich denke schon, dass es Menschen gibt, die – auch wenn sie gar nicht fotografieren – einfach einen Blick für interessante Fotos haben. Natürlich kann man viel üben, man kann sich gewisse Regeln erarbeiten, aber es gibt auch die Naturtalente, die wissen, wie ein gutes Foto aussieht.

Küchenzelt am Kraterrand

Der Nyiragongo-Vulkan im Kongo beherbergt den mit 200 Metern Durchmesser größten und auch heißesten Lavasee der Erde. 2010 seilte sich Carsten Peter mit seinem Team in den Krater ab

Wann hat sich bei Ihnen das Interesse entwickelt, Extreme zu fotografieren?

Ich bin schon immer in Bereiche vorgedrungen, die vielleicht nicht so normal waren. Ich habe schon sehr früh mit Höhlenforschung angefangen und ganz klar das Ziel verfolgt, so etwas zu dokumentieren. Als ich Student war, habe ich Wüsten unter oft wahnwitzigen Bedingungen durchquert. Diese Extreme haben mich schon immer angezogen.

Heute haben Sie ein recht breites Repertoire – nicht nur Vulkane und Stürme. Was für Themenfelder in der Extremfotografie decken Sie noch ab?

Es ist schon so, dass ich ein breites Spektrum habe, aber eben für bestimmte Spektren bekannt bin, für andere eher weniger. Man bewegt sich auch komfortabler, wenn man sich irgendwo eine Nische erarbeitet hat. In dieser extremeren Fotografie sind es zum Beispiel Höhlen oder Vulkane. Hier klettere ich zum Teil in die aktiven Krater hinab. Dann natürlich Tornados, Canyons oder andere Höhlenformen. Natürlich interessieren mich auch Expeditionen in arktische Bereiche oder Wüsten und Regenwälder. Sehr gerne arbeite ich mit Wissenschaftlern zusammen. Es reizt mich besonders, den Kontakt zur Wissenschaft nicht ganz zu verlieren.

Wie viele Fotos kommen denn auf einer Reise zusammen?

Das ist sehr schwer zu beantworten, weil das von Projekt zu Projekt sehr verschieden sein kann. In der Höhlenfotografie bastelt man manchmal mehr als eine Stunde oder noch länger an einem Foto herum, dann wird alles für einen Moment beleuchtet und man hat ein einziges Bild. Andererseits erhält man zehntausende Aufnahmen, wenn man Time-Lapses Zeitrafferaufnahmen schießt. In Reportagen bei „National Geographic“ landen schließlich nur sehr wenige Bilder. Das ist schon manchmal frappierend, diese Verhältnismäßigkeit.

Kochendes Gestein

Im Lavasee des Nyiragongo steigen Gasblasen auf, die zähflüssige Gesteinsschollen zerreißen. Dabei schleudern große Mengen Lava durch die brutal heiße Luft

Ziehen Sie sich selbst eine Grenze, an der Sie sagen, bis hierhin und nicht weiter?

Es ist immer eine Risikoabschätzung. Normalerweise beobachte ich einen Vulkan schon einige Zeit. Man versucht, einen siebten Sinn dafür zu entwickeln. Zu weit gehen, das kann man sich einmal leisten und dann ist man weg vom Fenster. Es gibt immer dieses Restrisiko, dass man sich falsch einschätzt. Das ist mir auch schon passiert, dass ich gewisse Reaktionen gnadenlos unterschätzt und einfach nur Glück gehabt habe. Auf Montserrat in der Karibik wollte ich einen partiellen Domkollaps fotografieren und habe mich viel zu sehr angenähert. Das erkannte ich erst im Nachhinein. Mir ging die Zeit aus, und ich fuhr heim. Zehn Tage später ist dieser Domkollaps passiert, und was da los war, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Da sind Glutlawinen über den gesamten Bergkamm gerollt. Es gab dort einen Ort, an dem war alles kahl. Man hat nur noch Fundamente gesehen. Alles war weg – da hätte ich keine Chance mehr gehabt!

Trägt man immer dieses Risiko, wenn man aus nächster Nähe beobachtet?

Das ist schon so, da ist einfach immer ein Risiko dabei. Als wir im Kongo im Nyiragongo-Vulkan in den Krater abgestiegen sind, hat die flüssige Lava zehn Meter über unseren Köpfen hinter einem Damm gekocht. Wenn da irgendetwas ausgebrochen wäre, hätte man relativ wenig Chancen zu überleben gehabt. Man kann natürlich nur schwer einsehen, wie stabil das ist. Es sind auch Erdbebengebiete, und es rumpelt die ganze Zeit. Ebenso ist man ständigem Steinschlag ausgesetzt und muss die Route sehr genau planen. Es ist schon ein Strategiespiel, die Risiken absolut zu minimieren.

Spüren Sie in solchen Situationen Angst?

Diese nicht fokussierbare Angst vor dem Steinschlag ist ständig da. Ich bin schon sehr froh, wenn alle draußen sind, und es ist nichts passiert. Man hört zu fast jeder Zeit irgendwo einen Steinschlag. Schon allein, wenn das Seil irgendwo an der Wand reibt: Das sind oft nur Aschelagen, wo Steine drin sind – das ist ganz weich und bröselig und alles andere als ein solider Fels. Davor habe ich manchmal fast mehr Angst als vor Eruptionen.

Abgeseilt

Carsten Peter seilt sich in eine Riesendoline der Hang Son Doong, einer der größten Höhlen der Erde, ab. Bald soll jedoch eine Seilbahn die Höhle für den Massentourismus öffnen

Lohnt sich das Risiko für die Fotos?

Sterben möchte man natürlich nicht für Fotos. Und auch, wenn man jetzt schwer verletzt würde, in Ländern wie dem Kongo, da kann man sich so ungefähr ausrechnen, was da mit einem passiert. Ich glaube, das lohnt sich nicht und es lohnt sich auch nicht, wenn jemandem im Team etwas passiert. Bislang ist immer alles gut gegangen. Aber vielleicht ist das Risiko gar nicht so groß, wie man von außen denkt. Auch ein Geisterfahrer auf der Autobahn ist lebensgefährdend. Man kann sich nicht gegen alles absichern und natürlich lege ich es nicht darauf an – ich hänge schon sehr an meinem Leben. Ich bin eher ein Schisser und das ist auch gut so.

Und Ihnen ist bislang noch gar nichts passiert?

Na ja, passiert ist mir eine ganze Menge. Ich habe mir schon alle möglichen Knochen gebrochen, aber vor allem in letzter Zeit ist nichts Ernsthaftes passiert. Ich sehe jetzt einen Knochenbruch nicht als was Ernsthaftes an, wenn die Rahmenbedingungen okay sind, und man sich aus der Affäre wieder rausziehen kann…

Was war denn das Schlimmste, was Ihnen passiert ist?

Einmal bin ich mit einem Gleitschirm in eine 300 Meter hohe, senkrechte Felswand hineingecrasht, das halte ich für einen meiner denkwürdigsten Unfälle. Das liegt schon sehr lange zurück, und es war meine eigene Schuld. Normalerweise möchte man meinen, da hat man keine Chance. Aber irgendwie konnte ich mich an der Wand festhalten und wieder raufklettern. Ich bin mit einer Fersenprellung davon gekommen.

Stürmische Jagd

Zusammen mit dem Sturmjäger Tim Samaras hat Carsten Peter viele Tornados in den USA gejagt, gefunden und fotografiert. Dabei gelang ihm die wohl dichteste Aufnahme, die je von diesen Windmonstern gemacht wurden. 2013 starben Tim und sein Sohn Paul im El-Reno-Tornado. Hätte Carsten Peter nicht an seinem aktuellen Buch gearbeitet, wäre er mit ihnen zusammen gewesen, als es passierte. Seitdem könne er keine Tornados mehr jagen, sagt Peter: „Das ist schon sehr nah an mir eingeschlagen und ich werde die Jungs auch ewig vermissen.“

Wie geht Ihre Familie mit Ihrem Beruf um?

Am Anfang war das für meine Eltern relativ problematisch, aber ich habe mich davon gelöst und gemacht, was ich wollte. Meine Eltern hatten darauf keinen Einfluss und mussten es hinnehmen. Mittlerweile haben sie auch mehr Vertrauen darauf, dass ich schon weiß, was ich mache. Klar, meine Freundin ist auch immer besorgt, aber letztlich vertrauen wir uns schon. Ich bin auch keiner dieser Kamikaze- Flieger, der sagt, „scheißegal, was passiert, ich hau’ mich jetzt mal da runter, und dann schauen wir weiter, was passiert“ – so funktioniert das einfach nicht. Und wenn ich im Auftrag von „National Geographic“ unterwegs bin, muss alles Hand und Fuß haben. Es ist wichtiger, lebend wieder nach Hause zu kommen als die spektakulärsten Fotos mitzubringen.

Was wird die Zukunft Ihnen bringen?

Meine Freundin und ich haben jetzt ein Kind bekommen, einen Sohn. Jetzt werden die Karten neu gemischt. Eigentlich hatte ich eine große Expedition im November vor – da hätte es nach Raja Ampat in Indonesien gehen sollen. Aber die ist jetzt, nach langer Planungszeit, aus organisatorischen Gründen doch abgesagt worden.

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