Innerhalb kurzer Zeit sind acht Angestellte einer Klinik in Westafrika dem tödlichen Ebola-Virus erlegen. Krankenhausleiter Harald Pfeiffer will trotzdem nicht aufgeben.

Ihre Hände zittern, während sie die Maus bedient. Namen für Namen geht Viviana Granobles die Datei mit den Angestellten durch, acht Mal muss sie Profile markieren und aus der Liste entfernen. Scrollen. Klicken. Löschen. Scrollen. Klicken. Löschen. Seit vielen Jahren kümmert sich die 38-jährige Finanzdirektorin um die Gehaltsabrechnung im Krankenhaus von Magbenteh im Landesinneren des westafrikanischen Staates Sierra Leone. Dieses Mal ist aber alles anders. Ein tiefer Schmerz in ihrer Brust verwandelt die Routine zur Qual. Acht Namen werden an diesem Morgen gelöscht. Acht Angestellte werden ab diesem Monat kein Gehalt mehr bekommen. Denn acht Menschen sind tot. Und es werden vermutlich nicht die letzten Namen sein, die Viviana löschen muss, denn die Zahl der Ebola-Infizierten steigt und steigt.

Das Virus hat kein Mitleid mit den Gnädigen

In die Trauer mischt sich Fassungslosigkeit, denn die Infektionen mit dem tödlichen Virus wären vermeidbar gewesen. Das weiß Viviana. Jeden Tag appelliert Klinikleiter Harald Pfeiffer an sein Ärzteteam und die Pflegekräfte, die Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten. Keine Umarmungen, kein direkter Kontakt mit den Patienten und vor allem: keine Hausbesuche. Aber zwei Ärzte halten sich nicht daran. Nach Feierabend fahren sie heimlich in ein nahegelegenes Dorf, versorgen vor Ort Kranke, die den beschwerlichen Weg zur Klinik nicht mehr schaffen, und da passiert es: War ein kurzes Niesen, ein Handschlag zur Begrüßung oder eine dankbare Umarmung die Ursache?

Rückblickend nicht mehr wichtig. Ohne es zu merken, infizieren sich beide mit der todbringenden Seuche. Es dauert zwei bis 21 Tage, bis die Krankheit mit ihren Symptomen Fieber, Erbrechen, Durchfall und Atemnot ausbricht. Eine trügerische Zeitspanne, in der Erkrankte noch nichts von dem Feind in ihrem Körper wissen, ihren Kindern über den Kopf streichen und ihren Frauen einen Gute-Nacht-Kuss geben. Sechs Kollegen stecken sie in dieser Zeit an, außerdem ihre Familien. Sie sind jetzt alle tot. Das Virus hat kein Mitleid mit den Gnädigen. Es tötet. Schleichend und schmerzhaft

Kampf gegen die Zeit

Ortswechsel. Gemäßigter Applaus zwingt Michael Roth kurz inne zu halten. Gerade hat der SPD-Staatsminister im Auswärtigen Amt vor dem spärlich besetzten Plenarsaal verkündet, dass es für die Bundesregierung klar ist, die notleidenden Menschen in Westafrika in dieser dramatischen Lage nicht alleine lassen. Fast sechs Minuten spricht er zur Eindämmung der Ebola-Epidemie, fünf Mal verwendet er die Worte „schnell“ und „zügig“, mit denen er die geplanten Hilfsmaßnahmen beschreibt. Zwei Mal betont er aber: es werde dauern.

Keine 24 Stunden später tritt Bundesgesundheitsmister Hermann Gröhe (CDU) vor die Kameras und verkündet, dass sich freiwillige medizinische Helfer ab sofort in dem Online-Bewerbungssystem des Deutschen Roten Kreuzes für einen Einsatz in den Ebola-Krisengebieten melden können. Unterdessen hat die Bundesregierung 17 Millionen Euro an Sofort- und Entwicklungshilfen bereitgestellt. Die Grünen hatten 50 Millionen gefordert, die Linkspartei sogar mindestens 100 Millionen. Aus der „Tagesschau“ erfährt man an diesem Abend, dass in rund sechs Wochen die ersten deutschen Hilfskräfte in den Krisenregionen eintreffen werden.

Drei Tage Angst

Fast zeitgleich teilt der Facebook-Nutzer Zinu Olu Tejan-Cole in Freetown in der Gruppe „Fight against the spread of Ebola in Sierra Leone“ einen Artikel mit den neuesten Zahlen der Todesopfer. Es sind rund 2000 Menschen in Folge der Viruserkrankung gestorben. In Sierra Leone sind es über 500 Todesfälle. Über den Link appelliert er auf Englisch: „Welt... Wo bist du, wenn man dich am meisten braucht. Tausende sterben! Wir brauchen deine Hilfe!“

Unterdessen warten Harald Pfeiffer und die vier verbliebenen Ärzte auf die Ergebnisse ihrer Bluttests. Drei Tage wird die Auswertung dauern. Drei Tage voller Angst und Ungewissheit. Die gesamte Klinik ist nach Bekanntwerden der Ebola-Fälle für drei Wochen unter Quarantäne gestellt worden. Niemand darf raus, niemand kann rein. Es können keine neuen Patienten behandelt werden, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Pfeiffer weiß, so lange er vor Ort ist, werden die Menschen nicht aufgeben. Nach außen strahlt er Sicherheit aus, aber auch er hat Angst. Angst, wie es weitergehen soll, wie lange er noch Gehälter zahlen kann. Eine zweites Mal unter Quarantäne gestellt werden kann sich die Klinik nicht mehr leisten. Das wäre das Ende.

Von den deutschen Hilfsmaßnahmen hat er noch nichts bemerkt. Gerade hat ihm eine seiner Ärztinnen, eine junge Frau aus Mexiko, gesagt, dass sie die Klinik wohl im November verlassen werde. Sie habe Familie zu Hause, das Risiko sei zu hoch. Pfeiffer hat Verständnis, auch wenn er sie eigentlich nicht gehen lassen will.

#Excalibur

Nach dem Ende der Quarantäne-Zeit in Magbenteh erfährt er, dass in Spanien Dutzende aufgebrachte Menschen auf der Straße demonstrieren. Handgemenge, Schreie, Tränen. Die Nachricht, dass ein möglicherweise mit Ebola infizierter Mischlingshund eingeschläfert werden muss, sorgt europaweit für Entsetzen. Der Name des Hundes, Excalibur, verbreitet sich als Hashtag mit aufschreiartiger Dynamik rasend auf Twitter. Fernsehkameras filmen eine Demonstrantin, die ein Schild nach oben hält. Darauf steht „Excalibur, die Welt ist bei dir“. Unterdessen hat sich die Zahl der Ebola-Toten in Afrika auf über 4000 verdoppelt.

Geld, Nahrung, Medikamente: Alles fehlt

Die junge Frau schreit ohrenbetäubend, aber sie können ihr nicht helfen. Harald Pfeiffer weiß, dass jetzt nur ein Kaiserschnitt das Kind in ihrem Leib retten kann. Aber sein letzter verbliebener Chirurg weigert sich, zu operieren. Seit Tagen hat die Klinik nicht mehr ausreichend Schutzkleidung.

„Ich habe Frau und Kinder“, sagt der Chirurg verzweifelt. Die Gefahr einer Infektion ist zu hoch. Sie können nichts mehr für das ungeborene Kind tun. Es ist kein guter Tag für Harald Pfeiffer. Viviana wird bald nach Freetown aufbrechen, um dort Hilfsorganisationen um neue Schutzkleidung zu bitten. Es fehlt an allen Ecken. Geld, Nahrung, Medikamente. Aber Pfeiffer kann und darf nicht aufgeben.

Im Dienst der Menschlichkeit

Fast sein halbes Leben hat der 73-Jährige in Westafrika verbracht. Geboren in der Nähe von Potsdam, zog er mit seiner Mutter, die eine schmale Witwenrente erhielt, in seiner Jugend nach Braunschweig. Dort lernte er seine jetzige Frau Karin kennen. Später verschlug es die junge Familie in die Schweiz. Der gelernte Physiotherapeut reiste 1988 das erste Mal nach Sierra Leone, um dort ehrenamtlich in einem Lepra-Krankenhaus zu arbeiten. Die Erlebnisse dort, das Leid und die Not der Menschen in Afrika, berühren ihn so sehr, dass er fortan sein Leben in den Dienst der Menschlichkeit stellt.

Er gründet den Verein „Swiss-Sierra Leone Development Foundation“ und errichtet in Magbenteh, in der Nähe von Makeni, der Hauptstadt der Provinz Northern, ein Krankenhaus. Sein ganzes Erspartes hat Pfeiffer in seine Projekte dort investiert, die Mittel sind so knapp, dass er seine Frau, die sich zur Zeit in der Schweiz um die Belange des Vereins kümmert, seit Monaten nicht gesehen hat. Von Spendengeldern hat er Reissäcke, Öl und Sardinen für seine Angestellten gekauft, damit sie ihre Familien während der Quarantäne versorgen können.

„Wissen Sie, ich habe eigentlich keine Angst zu sterben“, sagt Pfeiffer gelassen. „Wenn ich mich mit Ebola infizieren sollte, dann wird man mich wohl kaum nach Deutschland ausfliegen. Ich war so lange nicht mehr in meiner Heimat, die werden sagen: Was will der denn jetzt plötzlich? Nein, wenn ich mich infiziere dann werde ich wohl hier sterben.“ Es ist die tägliche Konfrontation mit dem Tod, die ihn so reden lässt.

Jetzt beginnt die Aufholjagd

Wenige Tage später trifft ein Erkundungsteam vom Roten Kreuz in Westafrika ein, begleitet von der Schlagzeile, dass bislang nicht genügend geeignete freiwillige Helfer gefunden werden konnten. 117 seien es, meldet das Rote Kreuz. Einer Emnid-Umfrage zufolge glauben zwei Drittel der Deutschen, dass es wahrscheinlich ist, dass früher oder später auch in der Bundesrepublik Ebola-Fälle auftreten. Zugleich gehen 72 Prozent davon aus, dass das Land gut oder gar sehr gut darauf vorbereitet ist.

„Wir alle haben die katastrophalen Folgen von Ebola unterschätzt“, räumt Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ ein, rund drei Wochen, nachdem sein Staatsminister im Plenarsaal Applaus für seine entschlossenen Worte geerntet hat. Jetzt, sagt Steinmeier in dem Interview, jetzt beginne die Aufholjagd. In wenigen Tagen wird Viviana Granobles aus Freetown zurückkehren und die nächste Gehaltsabrechnung vorbereiten. Wird sie auch dieses Mal wieder Namen streichen müssen? Auf Facebook schreibt sie: „Gott möge uns beistehen und uns schützen.“

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