Eine junge Frau verliert in der Schwangerschaft erst ihren Sohn, dann das Bewusstsein. Im Krankenhaus wacht sie wieder auf – und erinnert sich an den schönsten Moment ihres Lebens.

Als Christine Brekenfeld das ganze Blut sieht, weiß sie: „Wenn mir jetzt nicht schnell jemand hilft, muss ich sterben. Jetzt.“ Schon am Morgen dieses Tages wusste sie, dass irgendwas anders war als sonst. „Ich war hochschwanger. Ich fühlte mich komisch, war total erschöpft. Das war ja mein erstes Kind – ich dachte, vielleicht, ist es heute soweit“, erzählt sie. Vorsichtshalber sagt sie die Verabredung mit einer Freundin ab. Sie hat das Telefon noch in der Hand, da löst sich ihre Plazenta. „Das Blut schoss nur so aus mir heraus.“

Das alte Leben weggerissen

Nur ein Gedanken jagt ihr durch den Kopf: Wieso soll ich jetzt sterben? Wieso ich? Ihr ganzer Körper beginnt zu zittern, sie ist schweißüberströmt und als zehn Minuten später der Rettungswagen eintrifft, beobachtet sie, wie die Sanitäter in Panik geraten. Ohne Arzt dürften sie die Schwangere nicht transportieren, dafür blute sie zu stark, hört sie noch. Ihr Körper versucht sich gegen die Todesangst aufzubäumen.

Vor diesem Morgen war sie sich sicher, eine der Frauen zu sein, die alles schaffen würden – Kinder, Ehe, Karriere. Brekenfeld nahm an, das Leben fest in der Hand zu haben. Doch das Gefühl wird ihr in Sekunden weggerissen. Plötzlich weiß sie: „Ich habe keine Chance, mich gegen dieses Unglück zu wehren.“ Da durchströmt sie auch schon ein Gefühl tiefen Friedens. Ihre Angst ist verschwunden, sie empfindet keine Schmerzen mehr. „Stille und bedingungslose Liebe haben sich in mir ausgebreitet“, erzählt sie von dem Augenblick nach der Panik. Brekenfeld erlebt den schönsten Moment ihres Lebens, während ihr kleiner Sohn stirbt, nur wenige Tage vor dem errechneten Geburtstermin. Obwohl ihr Nahtoderlebnis schon zehn Jahre her ist, erinnert sie sich an jedes Detail:

„Der schönste Moment meines Lebens"

Christine Brekenfeld beschreibt ihre Nahtoderfahrung

Als sie die Augen wieder aufschlägt, liegt sie bereits im Krankenhaus. „Es war schrecklich, ich war so enttäuscht, dass ich wieder in dem Körper war. Er war so eng, so kalt und ich hatte so viel Blut verloren.“ Sie hört eine Krankenschwester aufgeregt rufen: „Ich hab vom Kind keine Herztöne mehr!" Trotzdem halten die Glücksgefühle aus der eben erlebten Nahtoderfahrung an. Halten sie aufrecht. Eine Stimme in ihr sagt: Alles ist gut.

„Mir war sofort klar, dass sich die Welt für mich total geändert hat. Ich konnte nicht einfach da weitermachen, wo mein Leben kurz zuvor aufgehört hatte“, erinnert sich Christine Brekenfeld. Rund drei Millionen Deutsche berichteten von einem Erlebnis, wie Christine Brekenfeld es hatte. Menschen jeden Alters, jeder Kultur. Und jeder Religion - Gläubige ebenso wie Atheisten. Nahtoderfahrungen sind Schilderungen aus der Phase, in denen Menschen keine Hirn- oder Herzfunktionen haben. Manchmal auch von Menschen in lebensbedrohlichen Krisen. Was fast alle miteinander verbindet: Sie ändern danach ihr Leben komplett.

Das Abschiedsgeschenk

Auch Brekenfeld hat ihr Leben umgekrempelt – nicht mehr Karriere und Leistungsfähigkeit, sondern Liebe und Angstlosigkeit sind ihr heute wichtig. Sie ist der festen Überzeugung: „Mein Sohn hat mir ein Abschiedsgeschenk gemacht. Danach war es an mir, es auszupacken.“ Anfänglich traut sie sich nicht, ihrem Mann und ihren Freunden von ihrer Gefühlswelt zu erzählen. Aus Sorge verachtet zu werden, den Tod ihres Sohnes mit Glücksgefühlen zu verbinden. „Das ist auch schwer für jemanden nachzuvollziehen, der das nur von außen erlebt hat.“ Es dauert zwei Jahre, bis sie den Tod ihres Sohnes wirklich annehmen kann und alle Stufen der Trauer durchlebt hat. Die Glücksgefühle aus ihrem Nahtoderlebnis sind dabei ihre größte Stütze.

„Nach den zwei Jahren hab ich gemerkt, dass Glück und Liebe angefangen haben, weniger zu werden. Es gab in mir eine tiefe Sehnsucht, das wieder zu bekommen“, erzählt Brekenfeld. Sie öffnet sich vor Therapeuten, doch die können ihre Gefühle nicht einordnen. „Am Schluss wurde bei mir sogar eine Suizidgefährdung diagnostiziert. Ich sollte in eine Klinik“, sagt sie. Keiner will ihre reale Erfahrung an der Schwelle zum Jenseits ernst nehmen. Sie schätzen ihr Nahtoderlebnis schlicht als Halluzination ein, die durch einen Sauerstoffmangel im Gehirn ausgelöst wurde. Dabei seien Botenstoffe ausgeschüttet worden, die eben Glücksgefühle erzeugen.

Der zweite Wendepunkt

Brekenfeld zweifelt an sich – bis sie auf einen spirituellen Lehrer trifft, der sie in ihrer Erfahrung bestätigt. Der ihr die Sorge nimmt, sich alles nur eingebildet zu haben, und ihr von vergleichbaren Fällen erzählt. Brekenfeld: „Das war der zweite Wendepunkt in meinem Leben. Bis dahin hatte ich das Gefühl, ich hab überhaupt nichts mehr mit dieser Welt zu tun.“

Der Lehrer zeigt ihr einen Weg auf, zu ihren Gefühlen aus dem Nahtoderlebnis zurück zu finden. Die Diplomingenieurin verschwendet keinen Gedanken mehr an ihren alten Job als Marketingleiterin einer Berliner Universität, sie lässt ihr altes Leben komplett hinter sich. Macht eine Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin und arbeitet ehrenamtlich in einem Kinderhospiz. Um schließlich eine eigene Praxis zu eröffnen, lässt Brekenfeld sich zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ausbilden. Sie will anderen Menschen helfen, Ängste zu überwinden, nicht nur vor dem Tod.

„Ich habe keine Angst mehr vorm Leben"

Christine Brekenfeld denkt um

„Abschiedsgeschenk“ hat sie es genannt: Der Tod ihres ungeborenen Sohnes hat Christine Brekenfeld am Ende ein neues Leben ermöglicht.

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