Sanjay Goel müsste eigentlich glücklich sein, er hat einen Millionen-Job als Investmentbanker. Aber warum riskiert er dann plötzlich mit seinen Start-ups Kopf und Kragen?

Als Sanjay Goel Ende der 90er Jahre die erste E-Mail seines Lebens bekommt, begeistert ihn das nicht nur – er ist überwältigt. Und hat eine Vision: „Mir wurde absolut klar, wie radikal schnell neue Technologien uns Menschen prägen werden und dass ich mit meinem Job als Investmentbanker niemals die Welt so verändern können würde.“

„Das viele Geld war ein Schock“

Es ist die Zeit des ersten Internetbooms. Firmen wie eBay, AOL und Yahoo machen Milliarden. Studienkollegen von Goel verkaufen ihr Start-up für 200 Millionen Dollar an Amazon. Da beschließt der aus Delhi stammende und damals Anfang 30-Jährige, dass seine Zukunft im Silicon Valley liegt. „Das viele Geld war auch wie ein Schock.“

Von einem Tag auf den anderen kündigt Sanjay Goel seinen Banker-Job in New York. Schließt sich in Bibliotheken ein, sucht Geschäftsideen. Wenige Monate später gründet er das Unternehmen ideas.com. Er verkauft Ideen, Konzepte, Visionen von Kreativen an große Konzerne. Das personalisierte Ein-Mann-Valley. In zwei Jahren sammelt er zwei Millionen Dollar von Investoren ein. Der Plan: ideas.com soll zum „Schmelztiegel für Innovationen“ werden. Doch als die Internetblase platzt, platzen auch Goels Träume. Er ist pleite, muss sein Team zurücklassen und geht zurück ins Bank-Geschäft.

Meine erste E-Mail hat mich fasziniert, mein komplettes Leben verändert!

Sanjay Goel

Keine Berufsgruppe wird so oft mit der Finanzkrise und dem stereotypen „Gier-Kapitalismus“ assoziiert wie die der Investmentbanker. Während die Occupy Wall Street Proteste gewaltsam niedergeschlagen wurden, winkten Banker mit Dollarnoten den Demonstranten zu.

Goel war als Investmentbanker besonders auf ostasiatischen Märkten sehr erfolgreich. Doch mit der Internetrevolution änderte sich seine Einstellung, Geld war nicht mehr alles im Leben. Er wollte das Internet nutzen, um Menschen zu helfen. Sein erster Versuch misslang. Aber Goel, der von sich selbst sagt: „An erster Stelle war und bin ich immer noch Entrepreneur“, blickt nicht zurück. Im Gegenteil: Grenzgänge wie der zwischen Hochfinanzen und Hightech gehören zu seinem Leben. 1weiter.net-Reporter Simon Berg hat mit Sanjay Goel geredet.

Umso öfter Du Dich in unkontrollierbare Situationen wagst, umso mehr gewinnst Du aus der Ungewissheit!

Sanjay Goel

Sanjay Goel habe immer auf seinen Bauch gehört, sagt er, auch wenn er dafür immer wieder seine „Comfort Zone“ verlassen musste. Vier Mal hat er ganz von vorne angefangen.

Ohne Fleiß kein Preis

Sanjay hat gleich zweimal Karriere in der Finanzbranche gemacht

Goel wächst in einer mittelständischen Familie in Indiens Megastadt Delhi auf. „Wissen war alles. Wenn man seinen Stand verbessern wollte und nicht das nötige Geld hatte, musste man studieren.“ Seine Eltern wünschen sich einen Arzt oder Ingenieur, doch er studiert Informatik und Robotik in Delhi und an der UCLA in New York und macht seinen Master in Japan.

Ich wusste nichts über die Finanzindustrie, nur, dass ich in ihr arbeiten wollte.

Sanjay Goel

Nach dem Studium will Goel sein Glück in der Finanzbranche machen. Ein erster Berufswechsel. Seine analytischen Fähigkeiten aus dem Studium verhelfen ihm zu einem Job bei der Citi Bank in New York (heute City Group). Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Ingenieur - und unverständlich für seine Eltern. „Ich weiß nicht mehr genau warum, aber die Finanzbranche reizte mich einfach. Dabei war ich keiner von diesen geschliffenen und smoothen Typen, ich war der Geek unter den Investmentbankern.“

Sein technischer Hintergrund, sein Ehrgeiz und seine Einstellung machen ihn zum „Unternehmer im Unternehmen“. „Ich durfte mir meine eigene kleine Welt aufbauen, eigene Kunden betreuen und neue Produkte entwerfen.“ Sanjay Goel ist neun Jahre bei der Citi Bank, als er jene erste E-Mail seines Lebens bekommt.

Der richtige Moment ist das Verschmelzen unterschiedlichster Faktoren.

Sanjay Goel

Mit seinem ersten Start-up verpasst Goel den richtigen Moment. Wie fast alle der heillos überbewerteten Unternehmen geht ideas.com sang- und klanglos unter. Doch das Gründerfieber aus dem Valley lässt den jungen Unternehmer nicht mehr los. Er hat Blut geleckt. Doch wird es lange dauern, bis er wieder im Silicon Valley landet.

Sanjay Goel stellt sein Unternehmen vor

Als die Internetblase platzt, geht auch ideas.com unter

Elf Jahre arbeitet Sanjay Goel in der Finanzmetropole London wieder als Investmentbanker. Er kommt unbeschadet durch die Krise, ist im Kopf aber schon einen Schritt weiter. Sein Ziel: Nachrichten für jeden immer frei zur Verfügung zu stellen. „Ich habe lange Zeit an der Idee gefeilt. Ein Treffen in Berlin hat dann den Ausschlag gegeben.“

Er lernt seinen Gründerpartner Christian Hapke kennen. Hapke ist Softwareentwickler und war wie Goel sagt: „das letzte Puzzleteil.“ Die Chemie stimmt, Goel der Geschäftsmann und Hapke der Techie passen perfekt zusammen. „Wir hatten drei Gespräche in Berlin, dann noch einige Meetings via Skype.“ An dem Tag, an dem Hapke zusagt, kündigt Goel seinen Job, packt seine Sachen und fährt nach Berlin. „24 Stunden später hatte ich eine Wohnung, und es konnte losgehen.“

Heute fühle ich mich, als hätte ich die Energie eines 20-Jährigen.

Sanjay Goel

2012 wird Oximity.com gelauncht. Bei den „News That Matters“ kann jeder mitmachen. „Der Leser soll die Nachrichten ohne Umwege erfahren, denn Verlage folgen ja praktisch immer einer politischen Ausrichtung“, sagt Goel. 2013 schafft er es, 600.000 Dollar für Oximity einzusammeln. Jetzt gibt er jedem, der Zugang zu einem Computer hat, die Chance gelesen zu werden. „Jeder Mensch hat etwas zu erzählen. Nur hört bis jetzt keiner zu. Das muss sich ändern.“

Sanjay Goel ist viel gereist

Das hat ihn zu dem Menschen gemacht der er heute ist

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