Einfach die Zeit zurückspulen – ein irrealer Traum. Dann doch lieber gleich rückwärtslaufen, dachte sich 1weiter.net-Allestester Daniel Mituta.

Rückwärtslaufen nervt – und das schon nach wenigen Minuten. Für 1weiter.net werde ich heute den ganzen Tag lang rückwärtslaufen. Warum? Tja, genau das frage ich mich mittlerweile auch.

Erste Challenge: Aufstehen. Um aus dem Bett zu steigen, muss ich mich zunächst mit den Knien auf die Kante setzen. Erst dann komme ich rückwärts von der Matratze herunter.

Das nächste Problem: In die Küche laufen und ein Brötchen schmieren. Immer wieder verspüre ich den Drang, ein paar Schritte nach vorn zu machen. Als ich meinen Schlüssel vergesse. Als ich die Tür öffnen will. Als ich die Treppe hinabsteigen möchte.

Erster Schritt zurück

Ich wohne in einem Altbau in Berlin-Friedrichshain. Vierter Stock. Aufzug ist hier nicht. Vorsichtig und ziemlich unbeholfen steuere ich also auf die Treppe zu, halte mich am Geländer fest. Schritt für Schritt steige ich rückwärts hinab, mein Blick bleibt auf die Stufen hinter mir gerichtet. Hilfe! Fast wäre ich gestürzt. Rückwärtslaufen ist nichts für Anfänger.

Für meinen großen Rückwärts-Tag habe ich mir ein ordentliches Programm zusammengestellt: Erst eine kleine Sporteinheit, dann zum Ku'damm, ehe es von der Siegessäule über das Brandenburger Tor zu Mustafas berühmter Gemüse-Kebap-Bude in Kreuzberg geht.

24 Stunden lang 1rückwärts

Rücksichtsvoll durch die Straßen Berlins

Im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark kommen die ersten Probleme. Ich soll Basketball spielen – rückwärts. Ein paar Fehlwürfe auf den Korb und schon fängt es an zu regnen, schöne Scheiße. Genug Sport für heute.

Ich schleiche Richtung Ku’damm. Zwischenfazit: Besonders mir unbekannte Orte sind ätzend. Eine plötzliche Kurve führt dazu, dass ich gegen ein parkendes Auto, eine Wand oder vom Bürgersteig gleich auf die Straße laufe. Immerhin: Manchmal warnen mich die Leute. Passen Sie auf! Achtung! Meistens sagen sie aber nichts.

Wäre es nicht so umständlich, würde ich häufiger rückwärts laufen.

Daniel Mituta

Am besten wäre ein Spiegel, rät mir ein Mann mit Basecap auf dem Kopf. Endlich entdecke ich auch Vorteile des Rückwärtslaufens. Gehen Menschen mit gleicher Geschwindigkeit in dieselbe Richtung wie ich, lässt es sich hervorragend unterhalten. Wäre es nicht so umständlich, würde ich allein deshalb häufiger rückwärtslaufen. Die meisten Menschen aber schütteln den Kopf, lachen und tuscheln, wenn sie mich sehen.

Zeit für einen Döner bei Mustafa und ein Gespräch mit einem Pärchen, das hinter beziehungsweise vor mir steht. Kyle, ein 32-jähriger Texaner und seine hübsche Freundin Nora (25), wie ich alles später noch erfahre. Es ist mir anfangs etwas unangenehm. In der Schlange komme ich mir vor wie ein Türsteher, der entscheidet, wer einen Döner kaufen darf und wer nicht. Nach einer Weile ringen sich die beiden schließlich dazu durch, mich zu fragen, was ich da eigentlich tue. „Das mache ich schon den ganzen Tag”, sage ich, als wäre es das Normalste der Welt. Kyle fängt an zu lachen. Es ist ein schöner Moment. Irgendwie bin erleichtert, dass mich auch mal jemand auf diese doch ziemlich seltsame Aktion anspricht.

Fast 45 Minuten lang bewegen wir uns Schritt für Schritt, von Angesicht zu Angesicht Richtung Imbissbude und unterhalten uns. Kyle und Nora reisen gerade durch Europa. Sie berichten mir, dass sie schon in Aachen waren und dass es noch nach Italien, Spanien und Griechenland gehen wird. Ich erzähle, warum ich rückwärts laufe, was ich mache und gebe ein paar Tipps für Berlin. Immer wieder beginnen sie laut loszulachen. „Und du willst gleich echt auch rückwärts bestellen?“, fragt Kyle. „Das muss ich“, erwidere ich.

Zum Abschluss meines Experiments gehe ich in den Verlag. Platsch! Ich laufe in eine gefühlt halben Meter tiefe Pfütze. Noch so ein Ding, das mir beim Vorwärtslaufen eher selten passiert.

Mein Fazit nach einem Tag Rückwärtslaufen: Es ist super, um Leute kennenzulernen, leider aber auch ziemlich anstrengend. Ich bin gegen Menschen und Pfeiler gerannt, habe – auch noch Tage später – einen fiesen Muskelkater in beiden Waden und ein paar blaue Flecken mehr. Bei jedem Abrollen der Fußballen schmerzen die Beine.

Es hat offensichtlich seinen Sinn, dass wir uns normalerweise nach vorne bewegen.

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