Außer Atem: 1weiter.net-Reporterin Anna Dobler macht sich in einem Berliner Sado-Maso-Studio auf die Suche nach dem Lust-Kick im Erstickungskampf.

„Wenn ich jetzt sterbe“, schießt es mir durch den Kopf, als sich der Sauerstoffvorrat in meinen Lungen bedrohlich dem Ende entgegen neigt, „dann hoffe ich, dass man meine Leiche besser nie findet.“ Schon komisch, welche Gedanken der Mensch hat, wenn er sich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert sieht. Ein letztes Mal versuche ich nach Luft zu schnappen – vergeblich. Das Latextuch über meinem Gesicht macht jede Atmung unmöglich. Unwillkürlich zucken meine Hände und Füße, Panik macht sich breit. Wie lange kann der Mensch ohne Sauerstoff überleben? Wie lange kann ich es? „Shht! Das geht schon noch ein bisschen!“ Die rauchige Stimme meiner Peinigerin unterbricht mein Gedankenkarussell. Sie muss es wissen. Die Frau, in deren Hände ich mein Leben gelegt habe, hat schon Dutzenden Menschen vor mir den Atem geraubt – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie ist professionelle Domina und das perfide Spiel mit der Luft ist eine ihrer Dienstleistungen.  

Eine Sado-Maso-Spielart für Fortgeschrittene

Unter dem Namen Bizarrlady Felicitas quält, demütigt und schlägt sie Kunden seit mehr als zehn Jahren.  Asphyxie – so lautet der in der Sado-Maso-Szene gängige Fachausdruck für das, was sie mir gerade so eindrucksvoll vorführt. As-phy-xie, drei Silben, die Mundwinkel umspielt bei der Aussprache der Letzten ein leichtes Lächeln. Andere nennen es Breathplay. Bizarrlady Felicitas bevorzugt den Ausdruck Atemreduktion. Eine Sado-Maso-Spielart für Fortgeschrittene, die den Erstickungskampf als Lust-Kick zelebriert. Wenn sich der Körper windet im Verlangen nach Sauerstoff, „dann kommt irgendwann der Moment, wenn man denkt, es geht nicht mehr. Dann stößt das Gehirn Endorphine und Adrenalin aus. Das ist der Kick.“ So erklärt es die Domina. Horrorvorstellung für die Einen, süße Qual für die Anderen. Ein Kick, für den viele SM-Anhänger bis an ihre Grenzen gehen. Das ist eine Welt, viel facettenreicher als das, was in dem Erotik-Besteller „Fifty Shades of Grey“ beschrieben wird. In der Realität der Bizarrlady verblassen die Handlungen des Buches zu unschuldigem Kuschelsex.

Das Reich der Domina in Berlin-Friedenau

Seit rund zehn Jahren betreibt Bizarrlady Felicitas das SM-Studio „Atelier Q“ (Fotos: Marcel Fröbe)

„Tu nichts, wobei du nicht tot erwischt werden willst.“

Als ich das erste Mal in die Suchmaschine den Begriff „Atemreduktion“ eingebe, läuft mir angesichts der Ergebnisse ein Schauer über den Rücken. Ich sehe Bilder, die vielmehr einen nackten Kampf ums Überleben dokumentieren als eine erotische Spielart. Und ich sehe Fotos des berühmten „Kill Bill“-Darstellers David Carradine. 2009 fand man seine Leiche, nackt im Schrank eines thailändischen Luxushotels. Um seinen Hals ein Seil. Die Autopsie ergab, dass es kein Selbstmord war. Der Schauspieler hatte laut Ermittlungen der Polizei die Kontrolle bei einem autoerotischen Spiel verloren. Erstickt bei der Suche nach dem ultimativen Kick. Sein Vater soll ihm einst ins Stammbuch geschrieben haben: „Tu nichts, wobei du nicht tot erwischt werden willst.“  

Berlin bizarr

Die Domina rät mir in einem ersten Telefonat dringend davon ab, solche Praktiken im Alleingang anzuwenden. Strangulationen lehne sie grundsätzlich ab. Also Plastiktüte über den Kopf und fertig? „Viel zu gefährlich“, warnt sie mich. „Das ausgeatmete CO2 ist geruchlos. Wenn man es zulange einatmet, wird man ohnmächtig und erstickt – ohne es zu merken.“ Wichtig ist, sagt sie, dass man die eigenen Grenzen kennt. Sie hat einen Kunden, der privat viel taucht. Der kann problemlos zwei bis zweieinhalb Minuten ohne Sauerstoff auskommen, erzählt sie mir. Ich hingegen bin ein „Büro-Mensch“, wie sie richtig vermutet. Bei mir wird es schon ab einer Minute kritisch. Wir verabreden uns für den nächsten Tag in ihrem Studio.

Gemütlich ist anders

Das Atelier Q befindet sich im Hinterhof eines gutbürgerlichen Reihenhauses in Berlin-Friedenau. Die Frauen von Stepford treffen auf die Venus im Pelz. Ich klingle. Dann steht sie vor mir, Lady Felicitas. Gehüllt in einen maßgeschneiderten, glänzenden Latexanzug; rötlich schimmert das gelockte Haar, ebenso die spitzen Fingernägel – ein Gesamtkunstwerk für Fetischisten.

Folterkammer mit Wohlfühlatmosphäre

Felicitas ist die Herrin über ein Reich, das sie selbst geschaffen hat und das zusammengehalten wird von den Phantasien ihrer Diener, Sklaven und Zofen. Schummriges Licht, dunkles Holz, schwerer Vorhangstoff vor Fenster und Türen – rechts der Thron für die Herrin, links der Käfig für den Sklaven, in der Mitte die harte Folterbank, auf der ich wenige Minuten später liegen werde. Daneben ein Bad mit Duschmöglichkeit. Einen Raum weiter ein Gynäkologenstuhl und ein Andreaskreuz mit Ledermanschetten an allen vier Enden neben einer beachtlichen Sammlung an Peitschen und Dildos. Wie stumme Zeugen betrachten ein Dutzend Perückenköpfe fein säuberlich nebeneinander gereiht die surreal anmutende Szenerie. Sie tragen Langhaarperücken in allen Schattierungen, Mützen oder Masken. Und könnten sie sprechen, sie wüssten sicher einige Anekdoten über die Klientel ihrer Besitzerin zu erzählen. Vom jüngsten Kunden, der kurz nach seiner gesetzlichen Volljährigkeit den Weg ins Atelier gefunden hat, um seine lang gehegten Fesselfantasien endlich auszuleben. Oder vom ältesten Kunden, einem 95-Jährigen, der kaum noch ohne Hilfe gehen kann, sich aber anketten und auspeitschen lässt.

Kalkulierter Kontrollverlust

Mit einer Mischung aus Neugier und Naivität stelle ich pausenlos Fragen, sicher auch, um meine Nervosität zu überspielen. Denn ich habe Angst. Ich, die kaum eine Herausforderung scheut, die Höhen, Tiefen, Geschwindigkeiten und Abgründe sucht, um wenigstens für kurze Momente der quälenden Banalität des Alltags zu entfliehen, verspüre Unsicherheit. Denn ich weiß: Was gleich passiert, kann ich nicht kontrollieren. Ich muss die Kontrolle an eine Fremde abgeben. Das gefällt mir nicht. Aber es reizt mich auch. Verdammt.

Die feste Umarmung des Latextuchs

lässt keinen Atemzug zu

Foltern und Quälen sind beruflich, Liebe und Sex hingegen privat

Die Domina scheint meine Angst zu spüren und beruhigt mich. Zumindest versucht sie es. Im Notfall könne sie einen Kunden reanimieren. Sie sei fit in Erster Hilfe und Herz-Lungen-Wiederbelebung. Einen Notfall hatte sie aber bisher noch nicht, erklärt Felicitas, die im echten Leben natürlich anders heißt. Ihren echten Namen will sie nicht verraten. Berufliches und Privates trenne sie strikt. Foltern und Quälen sind beruflich, Liebe und Sex hingegen privat. Sie ist Domina, keine Prostituierte. Ihre Liebe ist nicht käuflich. Drogen sind tabu, ebenso Tiere. Aber vom einfachen Fesseln bis zur medizinischen Hodensack-Aufspritzung bietet sie eine breite Palette sexueller Spielarten an.  

Kostspieliges Vergnügen

Die Nachfrage ist groß, auch wenn ihre Dienstleistungen nicht ganz billig sind. Eine Stunde „Spielzeit“ schlägt mit 160 Euro zu Buche. Atemreduktion wird nie isoliert geordert, sondern wird integriert in das Spiel um Macht und Unterwerfung.

Die Domina erklärt

So funktioniert Atemreduktion

Das Spiel beginnt

Sie sagt, sie wisse intuitiv, wie viel sie mir zumuten kann, als ich wehrlos vor ihr auf der Folterbank liege. Jetzt steht sie ganz dicht hinter mir, ich spüre ihren Atem, rieche eine schwere Mischung aus Parfum, Haarspray und Gummi. Quälend langsam spannt sie das Latextuch in seiner vollen Breite aus, in wenigen Sekunden wird es mein Gesicht gnadenlos fest umspannen und mich eines Großteils meiner Sinne berauben. Keine Sekunde lässt sie mich dabei aus den Augen. Studiert jede meiner Reaktionen. „Ich übe sehr gerne Macht und Kontrolle aus, reize es auch gerne bis zum letzten Moment aus“, verrät sie süffisant lächelnd. „Dabei achte ich aber sehr auf die Reaktionen der Kunden“, ergänzt sie eilig. „Augenrollen ist schon grenzwertig. Wenn sich der Körper aufbäumt, muss ich das Spiel sofort beenden.“ Sonst kann aus dem Spiel schnell tödlicher Ernst werden. Es wird dunkel um mich. Das Spiel beginnt.

Wenn sich der Körper aufbäumt, muss ich das Spiel sofort beenden.

Bizarrlady Felicitas über die Grenzen der Asphyxie

Es folgen die längsten 30 Sekunden meines Lebens. Und plötzlich: Ein Zucken von der Hüfte bis in die Zehenspitzen durchfährt blitzartig meinen Körper – dann bin ich von einer Sekunde auf die andere vollkommen entspannt. Die panische Stimme in meinem Kopf ist verstummt. Der Vorhang in meinem Kopfkino schließt sich. Wohlige Wärme macht sich in meiner Körpermitte breit. Ich tauche ein in ein neues Körpergefühl – spüre meine Existenz mit jeder Faser. Fühle mich gleichzeitig lebendig und tot, gefangen und frei, verzweifelt und getröstet. Ansonsten ist es still. Eine angenehme Stille. Ich will nicht, dass das endet.

Mein erster Impuls: Luft!

Sexualwissenschafter gehen davon aus, dass 25 Prozent aller Menschen eine SM-Neigung besitzen. Schon die scheinbar harmlose Augenbinde oder das Fesseln während des Liebesspiels zählen zu den SM-Praktiken. Asphyxie ist dann ein Spiel auf einem fortgeschrittenen Level – das nur Profis vorbehalten bleiben sollte, denn jedes Jahr sterben rund 80 Menschen in Deutschland an den Folgen erotischer Unfälle. Ich gehöre zum Glück nicht dazu. Es ist nämlich noch keine volle Minute vergangen, als mich Lady Felicitas frei gibt. Mein erster Impuls: Luft! Ich atme tief ein und es fühlt sich unglaublich befreiend an. Jetzt kann ich nachvollziehen, warum sich dieses Gefühl zur gefährlichen Sucht entwickeln kann. Ich war gefangen – und gleichzeitig frei wie nie. Ich will mehr. Verdammt.

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