Auch Politiker und Journalisten erleben Grenzerfahrungen, behalten diese aber meist für sich. Nun berichten sie über die größten Wendepunkte ihres Lebens.

„Alle Menschen machen Grenzerfahrungen, also auch ich“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi. Da dies auch der Gedanke von 1weiter.net ist, hat Andreas Maisch die Grenzerfahrungen und Wendepunkte im Leben von Politikern und Journalisten gesammelt. Darunter sind neben Gysi der EU-Vize-Präsident Günther Oettinger, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und die ZDF-Journalistin Bettina Schausten.

Atmosphäre wie in einem Kühlschrank

Zur Politik gehört es, Konzepte zu entwickeln und für die eigene Meinung einzutreten. Unangenehm kann es aber werden, wenn Parteifreunde ein nicht fertiges Papier an die Presse weitergeben, wie Katrin Göring-Eckardt, heute Fraktionsvorsitzende der Grünen, weiß:

„Eine Grenzerfahrung war für mich der Moment, in dem ich dachte, meine politische Laufbahn sei vorüber bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte. Ich war noch nicht lange Abgeordnete und hatte ein für damalige Verhältnisse recht radikales 10 Punkte-Programm zur Rentenpolitik entwickelt – das ohne mein Wissen an eine Nachrichtenagentur gelangte. Das Programm war nur zur internen Kommentierung und sollte so nicht in die Öffentlichkeit. Einen Tag später war ich in Weimar auf der Grünen-Fraktionsklausur und wunderte mich über die vielen Pressevertreter. Es stellte sich heraus, dass alle dort auf mich warteten, um etwas zu dem 10 Punkte-Programm von mir zu hören. Die Stimmung in der Fraktion war deswegen eisig – die meisten nahmen an, ich hätte das Papier bewusst lanciert, ohne weitere Absprachen. Joschka Fischer musste damals Bundeskanzler Schröder besänftigen, der gefordert hatte, mir die Verantwortung für die Rentenpolitik zu entziehen. Ich habe die Sitzung irgendwie überstanden, die Wogen haben sich geglättet – aber das war ein echter Nerventest.“

Katrin Göring-Eckardt

Nicht jedes Treffen der Grünen-Fraktion war für sie so angenehm wie diese Fraktionssitzung im Jahr 2013

Das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert

Um Freiheit, um Pressefreiheit geht es bei der größten Grenzerfahrung von Hans-Martin Tillack, der als Investigativjournalist beim „Stern“ mehrere Skandale aufgedeckt hat. Er sagt:

„Ich lag noch im Bett, als es an einem Freitagmorgen gegen 7 Uhr in meiner damaligen Brüsseler Wohnung klingelte. Das erste Klingeln habe ich noch ignoriert, beim dritten ging ich mit T-Shirt und kurzer Hose an die Tür. Dort standen sechs belgische Polizeibeamte in Zivilkleidung mit einem Durchsuchungsbefehl. Ich konnte es kaum glauben, dass die Polizei meine Wohnung und später mein Büro durchsuchte, um an Informationen über meine Informanten zu gelangen.

Hans-Martin Tillack

Der Journalist auf dem Weg in sein Brüsseler Büro, das von den Ermittlungsbehörden durchsucht wurde

Nach dieser Durchsuchung im Jahr 2004 hatte ich öfter ein ungutes Gefühl, wenn ich das Haus verließ. Ich habe die Namen meiner Quellen noch häufiger verschlüsselt als zuvor. So häufig, dass ich bei einzelnen weniger wichtigen Quellen später selbst nicht mehr wusste, wer die Quelle war. Die Polizeirazzia in Brüssel war sicher die größte Grenzerfahrung meines Lebens. Sie hat mein Vertrauen in den Rechtsstaat ernsthaft erschüttert – bis dann Ende 2007 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auf unsere Klage hin die Razzia für illegal erklärte.“

Es fehlten Lebensgrundlagen

Günther Oettinger war noch ein junger Landtagsabgeordneter, als er in Afrika eine Erfahrung machte, die ihn sehr beeinflussen sollte. Der Vize-Präsident der Europäischen Kommission in Brüssel sagt:

„Persönlich und politisch sehr geprägt hat mich eine Reise nach Äthiopien, Kenia und Burundi im Jahr 1986 im Rahmen der Entwicklungshilfepolitik. Ich saß seit zwei Jahren im baden-württembergischen Landtag und es war meine erste Reise in Entwicklungsländer. Die Lebensumstände der Menschen, vor allem der Kinder in den Slums, haben mich erschüttert: Sie hatten kaum Bildung und ihnen fehlten Lebensgrundlagen wie Wasser. Ich habe mich gefragt, was ich als damals 32-jähriger Landtagsabgeordneter tun könnte – denn Entwicklungshilfe ist in Deutschland eigentlich in der Kompetenz des Bundes. Um sich zusätzlich zu engagieren, haben der Landtag und das Land Baden-Württemberg fünf Jahre später die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg gegründet.

Besonders bewegt haben mich bei der Afrika-Reise die krassen Gegensätze: In dem Hotel, in dem wir im kenianischen Nairobi übernachteten, hatten wir einen Pool und einen prächtigen Wellnessbereich. Doch als wir mit dem Bus drei, vier Straßen weiterfuhren und einen halben Tag zu Fuß durch die Stadt und durch Slums gingen, fanden wir uns in einer völlig anderen Welt wieder.“

Günther Oettinger

Der Vize-Präsident fragt sich bis heute immer wieder, wie man den Entwicklungsländern besser helfen kann

Doch was bedeutete das für den späteren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs und EU-Kommissar?

„Das hat einen sehr tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, sodass ich mich seitdem immer wieder frage, was wir für die Entwicklungsländer tun, beziehungsweise mehr tun könnten. Das betrifft den Umgang mit natürlichen Ressourcen; es betrifft aber auch die Haushaltsberatungen des Bundes und das Problem, dass Deutschland – so wie zahlreiche andere EU-Staaten – immer noch nicht so viel Geld für Entwicklungshilfe ausgibt, wie es nach internationalen Vereinbarungen ausgeben müsste.“

Der einsamste Moment, der fürchterlichste Moment

Besonders schwierig sind gesundheitliche Probleme. Probleme, bei denen man oft hilflos zu sein scheint und ganz den Ärzten vertrauen muss. So war es auch bei der Grenzerfahrung von Sonia Seymour Mikich, der neuen Chefredakteurin des WDR:

„Eine erste Bauchoperation, die daneben gegangen war. Lebensgefährliche Keime hatten sich ausgebreitet. Nun also die Not-OP. Ein Oberarzt und drei Assistenten operieren vier Stunden lang, spülen den Bauch immer wieder durch. Als ich gegen drei Uhr morgens aufwache, habe ich schwarze Spinnwebenfetzen vor den Augen. Ich blinzele, und sie gehen nicht weg. An der Wand hängt die Uhr, sie rast rückwärts. Ich verstehe nicht. Die surrealistischen Zeiger der Uhr entsetzen mich. Warum geht die Zeit zurück? Wohin geht sie? Todesangst. Ich bin überzeugt, dass ich in diesem Krankenhaus sterben werde und will nicht. Ich will, dass die verrückt gewordene Uhr normal tickt. Mein Herz rast ebenfalls wie verrückt. Weil so viele Schläuche an mir hängen, kann ich mich nicht bewegen, erreiche nicht den Notrufknopf. Ich wage nicht die Augen zu schließen, weil dann der Tod ins Zimmer kommt – mit meiner Sterbeurkunde. Halluzinationen. Der einsamste Moment meines Lebens, der fürchterlichste.“

Jörg Schönenborn

Die meisten Fernsehzuschauer kennen ihn nicht durch das Putin-Interview, sondern durch seine Wahlanalysen

Ein Gespräch mit dem russischen Fuchs

„Wie heißen Sie eigentlich?“, wollte Russlands Präsident Wladimir Putin von dem Mann wissen, der ihn im April 2013 interviewte. Doch Putin wusste genau, wer ihm gegenüber saß, wollte schlicht seine Macht und seine scheinbare intellektuelle Überlegenheit demonstrieren. Dann sprach Putin den damaligen WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn gönnerhaft mit dem Vornamen an (siehe Video unten ab Minute 5). Der heutige WDR-Fernsehdirektor erinnert sich gut an dieses viel beachtete Interview:

„Es gibt Interviews im Leben eines Journalisten, die man nicht vergisst. Der Besuch bei Wladimir Putin im Frühjahr 2013 in seiner Residenz am Stadtrand Moskaus gehört sicher dazu. Die Moskauer Kollegen hatten mich glänzend vorbereitet: Wir würden stundenlang warten müssen, es würde Provokationen, vielleicht auch persönliche Angriffe und Beleidigungen geben. Die Empfehlung: Als Interviewer stoisch gelassen bleiben. Die bleibende Erinnerung hat aber nichts mit den Themen und Inhalten des Interviews zu tun. Es ist die Erinnerung an einen Mann, der so viel Aggression ausstrahlte, wie ich es nie in einem Interview erlebt habe, der mir breitbeinig und mit Maskengesicht gegenüber saß – jederzeit bereit zum Sprung.“

Umstrittenes Interview

Mitten im Interview fragt Putin Schönenborn nach dessen Namen. Der macht gute Miene zum bösen Spiel

Ein Gewinner der deutschen Wiedervereinigung

Für Gregor Gysi war das Ende der DDR und die Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland die größte Grenzerfahrung. Der Linken-Fraktionschef fasst diese Erfahrung so zusammen:

„Die wichtigste Grenzerfahrung meines Lebens war der Wandel vom Bürger der DDR zum Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Wenn man immer in der Bundesrepublik gelebt hat, kann man sich nicht vorstellen, welche Umstellung dies bedeutete. Es war nicht nur ein größeres, sondern auch ein völlig anders strukturiertes Land. Man gewann Freiheiten und demokratische Möglichkeiten, auf die man sich freute, mit denen man aber zunächst nicht so viel anfangen konnte. Auf der anderen Seite verlor man eine soziale und kulturelle Geborgenheit, die sich Schritt für Schritt auflöste. Wenn man zuversichtlich ist und ein Optimist wie ich, kann man mit solchen Situationen ganz gut umgehen. Ich weiß, dass es bei der Einheit auch Verliererinnen und Verlierer gab. Ich weiß auch, dass ich es zum Teil sehr schwer hatte. Trotzdem bin ich wie viele andere ein Gewinner der Einheit.“

Gregor Gysi

Seine größte Grenzerfahrung hat der Linken-Politiker auch Ex-Kanzler Helmut Kohl zu verdanken (Foto: Die Linke)

„Ab heute ist die Welt eine andere“

Es gibt Ereignisse, die die Weltordnung verändern. Ereignisse, bei denen sich jeder, der sie erlebt, erinnert, wann und wo er davon erfahren hat. Ein solches Erlebnis hat auch das Weltbild von Bettina Schausten, Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, verändert:

„Am 11. September 2001 saß ich im Urlaub in Sizilien an einem Strand und las. Aus dem zunehmend aufgeregten Gespräch einer Gruppe italienischer Urlauber unweit schnappte ich das Wort „assassino“, Mörder, auf und als Journalistin, ich war zu der Zeit Chefin des ZDF-Morgenmagazins, versuchte ich kurz zu kombinieren, worum es gehen könnte: Vielleicht ein Attentat? Dann rief mich mein Stellvertreter an, ein besonnener Mann, der vor Erschütterung nicht in der Lage war, schlüssig zu berichten, was da in New York vor sich ging. Ein Passagierflugzeug sei ins World Trade Center geflogen. Ich höre mich noch nachfragen: Ein Flugzeug mit Menschen drin? In einem nahegelegenen Hotel dann Rai Uno mit den Bildern, die noch heute erschüttern. Und ein Gefühl stieg in mir auf: Ab heute ist die Welt eine andere. Am nächsten Tag flog ich zurück nach Berlin.“

Bettina Schausten

Die heutige Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios schnappte im Italien-Urlaub das Wort „assassino“ – Mörder – auf

Nicht vor staatlicher Überwachung sicher

Wie Hans-Martin Tillack recherchiert auch der Investigativjournalist Boris Kartheuser zu Korruption und Lobbyismus. Und wie Tillack hat auch der freie Journalist aus Köln schlechte Erfahrungen mit Sicherheitsbehörden gemacht. Kartheuser, der in der Vergangenheit unter anderem verdeckte PR-Aktionen der Deutschen Bahn aufdeckte, sagt:

„Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass staatliche Stellen mit Hilfe eines Trojaners den Computer eines Programmierers überwachten. Ich sammelte alle verfügbaren Informationen und sendete der verdächtigen Bundespolizei eine Mail mit vielen Fragen. Einen Tag später merkte ich, dass ich beschattet werde. Ich dachte zunächst, das bilde ich mir doch ein. Journalisten werden schließlich nicht überwacht, so mein Gedanke. Kurze Zeit später fand ich Überwachungssoftware auf meinem eigenen Rechner, Nachbarn meldeten verdächtige Vorgänge rund um meine Wohnung. Seitdem weiß ich, dass auch in Deutschland trotz anderslautender Gesetze niemand vor staatlicher Überwachung sicher ist. Weder Journalisten, noch Anwälte und erst recht nicht einfache Bürger.“

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