Lutz Pophal erhält die Diagnose Hodenkrebs – mit 21 hat er sein Ende vor Augen und nutzt diese Grenzerfahrung als Chance auf einen wunderbaren Anfang.

Wann genau die Schmerzen anfingen, kann Lutz Pophal nicht mehr sagen. Doch sie werden von Woche zu Woche stärker. An einem Samstag erzählt er seiner Freundin Theresa spät abends von seinen Beschwerden. Gemeinsam gehen sie noch in der Nacht in die Notaufnahme eines Krankenhauses – vielleicht die lebensrettende Entscheidung.

September 2012

Lutz Pophal erinnert sich noch heute, dass der diensthabende Urologe anfangs sehr wortkarg ist, beinahe unfreundlich. Nachdem er Lutz Pophals Hoden abgetastet und einen Ultraschall gemacht hat, wird er noch ernster. Ein Oberarzt wird gerufen. Gleiches Prozedere, gleicher Gesichtsausdruck. Die Diagnose steht fest:

„Womit habe ich das verdient?“

Wie Lutz Pophal von seiner Diagnose erfuhr

Krebs. Mit 21 Jahren. Drei mal drei Wochen Chemotherapie. Lutz Pophal hat Angst. Angst vor der Krankheit. Angst zu sterben – das Gefühl lähmt jeden anderen Gedanken. Wie kann das nur sein? Er hatte doch nie Beschwerden. Die Ärzte müssen sich geirrt haben! Was; wenn er nicht mehr gesund wird? Er hat doch so viel vor im Leben. Möchte Polizeikommissar werden. Kinder bekommen:

Seine Freundin Theresa ist die ganze Zeit für ihn da. Sie tröstet ihn, wenn die Gedanken schwer werden und die Tränen laufen. Oft weinen sie gemeinsam. Theresa ist auch diejenige, die ihn zwingt sich nicht hängen zu lassen und sich Ziele für die Zukunft zu setzen. Das hilft.

Dreieinhalb Jahre sind sie nun schon zusammen. Kennen sich aus Schulzeiten. Im Biologie-Unterricht haben sie sich ein Mikroskop geteilt, heute eine Wohnung - eigentlich sind sie schon eine kleine Familie. Und Lutz Pophal fasst einen Entschluss: Das will er jetzt offiziell machen. Diese Frau möchte er für den Rest seines Lebens an seiner Seite haben. Wie lange auch immer das sein mag.

„Das war meine Art Theresa zu zeigen, wie dankbar ich ihr bin.“

Am 11.Oktober 2012 - der Tag des Antrags

Oktober 2012

In einem kurzen Zeitfenster zwischen zwei Chemotherapie-Zyklen, nimmt Lutz Pophal seinen Mut zusammen: Auf dem Wohnzimmerboden hat er Rosenblüten verteilt, auf dem Couchtisch Teelichter entzündet – in Form zweier Ringe, dahinter ein Fragezeichen. Als Theresa das Wohnzimmer betritt, dauert es nur einen Moment, bis sie begreift. Dann schießen ihr die Tränen in die Augen – und sie sagt ja. Die Hochzeit soll im August 2013 stattfinden. Doch dazu wird es nicht kommen.

März 2013

Lutz Pophal hat den Krebs nicht besiegt. Bereits zwei Wochen vor seinem ersten Kontrolltermin nach der Chemotherapie plagen den jungen Mann immer stärkere Rückenschmerzen. Der Grund dafür wird schnell klar: Die Ärzte entdecken vergrößerte Lymphknoten im Bauchraum – ein Anzeichen dafür, dass der Krebs sich im Körper des 21-Jährigen ausgebreitet hat. Sie drücken auf Nervenbahnen und verursachen so Schmerzen. Der Krebs hat jetzt außerdem die Lunge befallen. Die Ärzte sagen: „Ein Rezidiv.“ Es sieht nicht gut aus. Schnell steht fest: Eine weitere Chemotherapie ist nötig.

„Das war erstmal ein totaler Schock für mich!"

Das Rezidiv trifft Lutz Pophal wie ein Schlag

April 2013

Auch während der zweiten Chemotherapie gibt sich Lutz Pophal nicht auf. Er glaubt an das Schicksal, ist sich sicher, dass alles aus einem bestimmten Grund geschieht. Egal wie ungerecht und grausam es wirkt, sieht er doch das Positive in seiner Erkrankung. Wie anders wäre sein Leben wohl verlaufen, wenn er gesund geblieben wäre? Verlobt wäre er vermutlich nicht.

Juni 2013

Eigentlich hatten Lutz und seine Freundin ihre Hochzeit für die Zeit nach dem Krebs geplant, doch mittlerweile wissen sie: Das Leben ist zu kurz, und man weiß nie, was kommt – sie wollten doch sowieso heiraten, wieso also nicht jetzt?

An einem Sonntag fällt die Entscheidung, „trotz allem“ und „gerade wegen“ zu heiraten. Es soll ihr Zeichen für die Liebe und für das Leben sein – eine Art Kampfansage. Bis zum geplanten Termin im August wollen die beiden nicht mehr warten – zu unsicher ist, wie es weitergeht. Vier Tage nach ihrem Entschluss geben sich beide das Ja-Wort.

„Trotz" und „gerade wegen"

Spontan fällt die Entscheidung für die Hochzeit

Juli 2013

Die zweite Chemotherapie zeigt nicht die gewünschte Wirkung. Der Krebs breitet sich weiter aus. Erneut packt Lutz Pophal die Angst. Was, wenn er sterben muss? Eine allerletzte Chance bleibt ihm noch: eine Hochdosis-Chemotherapie.

Die darauffolgenden Wochen werden zu Lutz Pophals härtestem Kampf:

„Wenn das jetzt nicht hinhaut, dann war´s das."

Die Hochdosis-Chemotherapie ist die letzte Chance für Lutz Pophal

Und es hört auf. In den Blutuntersuchungen und den CTs nach der Therapie lassen sich keine Krebszellen mehr nachweisen. Die Therapie scheint anzuschlagen.

"Mein Reißverschluss"

31 Lymphknoten werden nach der Hochdosis-Chemotherapie aus Lutz Pophals Bauchraum entfernt (Foto: Lutz Pophal)

September 2013

Im Anschluss an die Hochdosis-Chemotherapie entfernen die Ärzte 31 vergrößerte Lymphknoten aus Pophals Bauch. Sie wollen sichergehen, dass wirklich keine Krebszellen mehr in seinem Körper zurückbleiben. Nach der Operation kann Lutz Pophal aufatmen: In keinem der Lymphknoten war noch aktives Tumorgewebe zu finden. Mittlerweile ist auch die Narbe auf seinem Bauch verheilt. Er nennt sie „meinen Reißverschluss“.

Die darauffolgenden Monate lebt Lutz Pophal in einem Drei-Monats-Rhythmus: In diesem Zyklus steht die Nachsorge an. Mit sicherer Regelmäßigkeit bekommt er kurz vor jedem Termin Rückenschmerzen und Atemnot. Die Angst vor neuen Metastasen beherrscht ihn. Doch sobald die Ärzte Entwarnung geben, verschwinden die Beschwerden. Auch das mit der Angst wird von Mal zu Mal besser. Langsam schöpft Lutz Pophal Hoffnung, dass er es überstanden hat.

Juni 2014

Die dritte Nachsorgeuntersuchung steht an: Auch jetzt alles in Ordnung. Der Krebs scheint überwunden zu sein. Doch ob Lutz Pophal den Kampf endgültig gewonnen hat, wird sich erst in zwei Jahren sagen lassen. Seine Sicht auf das Leben hat sich aber schon jetzt grundlegend verändert:

"Wenn Plan A nicht klappt, bleiben noch 25 andere Buchstaben."

Lutz Pophal lässt sich nicht unterkriegen

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