Im Sport teilen die Gewinner ihre Euphorie mit uns Zuschauern. Die wenigsten wissen aber, was für Fragen und Erwartungen der Sieger selbst an diesen einen Augenblick hat. Hier erfahrt Ihr es

Der flinke Koreaner ist schwach heute, das fühlt Ole Bischof. Bis eben hat er ihn im Bodenkampf bearbeitet. Zehn Sekunden liegen noch bleiern auf der Uhr. Die beiden werden vom Kampfrichter auseinanderkommandiert. Bischof bleibt länger am Boden liegen, er weiß: Jetzt folgen die entscheidenden Momente. Er darf ihn gleich nicht zu nahe kommen lassen. Bischof führt in diesem olympischen Finale von 2008, sein Sport heißt Judo.

Geistesgegenwärtig wie ein Taschendieb hat Bischof den Asienmeister Kim Jae-Bum schon vorhin zu Beginn des Kampfes zu Boden geworfen. Dumpf schlägt der auf die Matte. Der 28-jährige Deutsche steht nun an der Schwelle zu Gold. Alles, was in den nächsten zehn Sekunden passiert, kann sein Leben umwerfen. Olympia gewinnen! Bloß nicht dran denken.

Ein ungewöhnlicher Ausrutscher

Um zu verstehen, was Judokas antreibt, müssen wir auf die Hauptstraßen von Rio gehen. In ein Taxi, in dem Bischof gerade sitzt und den Fahrer dirigiert. Er ist auf der Suche nach Farbe.

Dann hab’ ich verzweifelt versucht, irgendwo Farbe herzubekommen.

Ole Bischof

Bischof lässt sich seine Judoanzüge maßschneidern. Es kann eines der vielen Quäntchen sein, die zwischen Sieg und Niederlage entscheiden. Zehn in weiß und zehn in blau besitzt er. Für die WM in Rio 2007 hat er nur einen blauen mitgenommen, den er unbedingt anziehen will. Doch der wurde von der Wettkampfleitung abgelehnt. Zu ausgewaschen. Ein unbequemer Ersatzanzug kommt nicht in Frage für den Deutschen. „Dann hab’ ich verzweifelt versucht, irgendwo Färbemittel herzubekommen“, erzählt Bischof. Einen Tag vor der WM.

„Im Hotel haben sie ihn dann gefärbt. Aber die schwere Baumwolle war nass und trocknete langsam.“ Also greift Bischof selbst zum Föhn und föhnt wie verrückt. Später, im Kampf, hat sein Gegner plötzlich blaue Hände. „Ein Desaster“, erinnert sich Bischof. Er schaffte es nur bis in die dritte Runde. Ein ungewöhnlicher Ausrutscher für den ehrgeizigen Judoka, der sich auf so viele Szenarien vorbereitet wie kein anderer. Passiert ist ihm so etwas nie wieder.

Ole Bischof erträgt viel für seinen Sport. Im Training wiegt er bis zu 85 Kilo. Für seine Gewichtsklasse muss er vor Kämpfen vier Kilo abkochen. Nicht richtig essen und nicht richtig trinken darf er dann. Gewichtmachen ist die ständige Willensschulung für Judoka. Bischof aber geht weiter: Er gehört zu den Intellektuellen im Judo. „Er hat den Sport komplett durchdacht“, sagt Alexander von der Groeben, TV-Moderator und selbst Judo-Europameister.

Gewinnt Bischof, gehört die Goldmedaille allen Deutschen

Verliert er, ist er allein mit seinem Verlust

In den Gegner „reinfühlen“

In den Monaten vor den olympischen Spielen analysiert Bischof alle denkbaren Gegner. Tag und Nacht. Von der Groeben wohnt in der Nähe von Bischofs Trainingszentrum in Köln. „Wenn ich Licht brennen sah, wusste ich: Ole ist da unten“, erinnert sich der Journalist. Teamkollegen sollen dann seine potenziellen Kontrahenten imitieren, sich in sie „reinfühlen“, wie Bischof es nennt. Der Judo-Think-Tank geht jede Situation durch. Dutzende Male hämmert Bischof seine Komparsen in die Weichmatte. Zehn Trainingsstunden lang probt er neue Griffe, bis er merkt: „Es klappt so nicht.“ Dann versucht er es anders.

Bischof scoutet seine Gegner so intensiv wie kein anderer. Er notiert sich nicht nur, wie sie kämpfen, sondern sogar, wie die anderen trainieren. Wenn ein Judoka einen großen Bizeps hat, notiert Bischof: „explosiv“. Die sind am Anfang eines Kampfes besonders gefährlich. Er verfolgt seine Linie kompromisslos. Wenn es sein muss, auch rücksichtslos. „Wenn die Nationalmannschaft ihr Trainingslager in Bulgarien angesetzt hat und er lieber in Frankreich trainieren wollte, ist er eben alleine nach Frankreich gedüst“, sagt Nick Hein, sein ehemaliger Teamkollege, der an Bischof 2008 den deutschen Olympiastartplatz verlor.

Wenn man heute bei Google schaut, sieht man alle möglichen Fotos von mir im Delirium.

Ole Bischof

Bischof gilt als einer der mental stärksten Judoka. Aber für Olympia hat er sich trotzdem keine Überflieger-Mantras zurechtgelegt: „Du hast keinen Grund zu scheitern“ und „Du gibst Dein Bestes“ heißen sie. Denn der Spätzünder, der ein Jahr früher eingeschult wurde als üblich und deshalb lange der Kleinste war, musste sich aus der dritten Reihe nach vorn kämpfen. Für die Qualifikation zu Olympia 2004 in Athen bekam Bischof nicht einmal die Chance, sich bei wichtigen Turnieren zu zeigen. Solche Rückschläge können Karrieren beenden im Judo, das nur alle vier Jahre bei Olympia ernsthaftes Rampenlicht abbekommt. „Es gab Selbstzweifel“, sagt Bischof rückblickend. Doch er beißt sich durch. Für Peking 2008 wird er nominiert.

„Haltet den Sendeplatz frei“

Dort steht er jetzt im Finale. Zehn Sekunden muss er noch durchhalten. Bischof kann seine blaue Jacke nicht schließen, schon muss er dem 23-jährigen Kim seine Handpranken entgegenhalten. Halb panisch, halb überfallartig schnappt der Koreaner zu. Er zerrt, Bischof drückt. So tanzen beide wie in Zeitlupe über die Tatami, die Judomatte. Beim Judo denkt Bischof nicht in Sprachbildern, sondern in Gefühlen. Während des Kampfes ertastet er die Gegner. „Man merkt sofort, was für ein Typ der andere ist und was für eine Gesinnung der hat“, sagt Bischof. Jetzt empfindet Bischof Tatendrang beim Koreaner. Aber der ist erschöpft vom Vorkampf.

Auf dem Weg ins Finale hat Bischof alles gesehen, was Judo zu bieten hat. Gegen einen alternden Aserbaidschaner mit Rückenproblemen bog er einen Rückstand um, den amtierenden Weltmeister dagegen fegte er später so leichtfüßig von der Matte, dass der nicht wusste wie ihm geschah. TV-Mann Alexander von der Groeben, der das Finale 2008 kommentierte, erinnert sich noch an die Redaktionskonferenz davor. Und wie er den anderen sagte: „Der Bischof macht heute was. Haltet unseren Sendeplatz heute Abend frei fürs Finale.“

Beim Judo denkt Bischof in Gefühlen

Er spürt die Erschöpfung des Koreaners Kim Jae-Bum

Noch fünf Sekunden. Jetzt diesen Kim nur noch weghalten! Er gräbt sich in Bischofs Schulter fest. Der Koreaner blickt verzweifelt nach links zu seinem Trainer. Bischof steht fest wie eine Eiche. Kim versucht einen letzten Wurf, beide purzeln durcheinander.

Im Nebel der Euphorie

„Und auf einmal war es vorbei“, sagt Bischof. „Oh Gott. Ich bin Olympiasieger. Olympia!“

Im Finale verdrängte Bischof die Bedeutung des Momentes

Jetzt muss es raus

Bischof streckt die Fäuste zur Hallendecke. Seine Augen sind entrückt aufgerissen, der Mund halb offen. Beim Aufstehen gibt er Kim einen Klaps aufs Schienbein. Er richtet seinen Anzug und verbeugt sich. „Und dann schwankt man runter von der Matte“, erzählt Bischof.

Er fällt in die Arme seines Trainers. Sie schauen sich an, umklammern sich wieder. Im Nebel der Euphorie erkennt er seinen Vater auf der Tribüne. „Wenn man heute bei Google schaut, sieht man alle möglichen Fotos von mir im Delirium“, sagt Bischof. „Ich war zugeballert mit Glück. Man weiß gar nicht, was man zuerst machen und denken soll.“ Nach der Dopingprobe checkt Bischof zweimal, ob die richtige Nummer auf seinem Fläschchen steht.

Bischof will bei der Siegerehrung nachdenken

Nur kommt er nicht dazu

Alle erwarten, dass Du weinst oder die Hand zur Brust nimmst.

Ole Bischof

Dann die Siegerehrung. Bei der Nationalhymne kann Bischof zum ersten Mal für sich sein – glaubt er. „Aber dieser Moment... in Wirklichkeit gehört er dir überhaupt nicht, weil den alle im Fernsehen sehen.“ Fotografen winken und machen ihren Job. Er soll in ihre Kameras schauen. „Alle wollen sehen, dass Du weinst oder die Hand zur Brust nimmst“, sagt Bischof. Er legt die Hand aufs Herz.

Keine Chance übersehen

Nur zwei oder drei Chancen gibt die Fernsehwelt einem Sportler. Dann ist entschieden, wer gut rüberkommt und wer nicht. Bischof offenbart sich im Scheinwerferlicht als talentierter Plau­de­rer. „Ich habe mit mei­ner Freun­din te­le­fo­niert, und sie liebt mich immer noch“, sagt er im Deutschen Haus bei einem seiner ersten TV-Interviews. Treffer. Der Saal brüllt vor Lachen. Ein anderer Olympiasieger, der 21 Jahre alte Kanute Alex­an­der Grimm, sitzt etwas schüchtern neben ihm.

Zurück in Deutschland hört Bischof erst mal die Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter ab. Von Agenturen, Medien, Freunden, Sponsoren, sogar von Supermärkten. Und Bischof fragt sich, was das Leben sonst noch zu bieten hat. „Ich wollte keine Chance übersehen, eine Erfahrung zu machen“. An einem einzigen Wochenende bekommt er von Bun­des­prä­si­den­t Köhler das Sil­ber­ne Lor­beer­blatt, verleiht selbst einen MTV-Game-Award und nimmt an einem Führungskräfte-Kongress mit May­brit Ill­ner teil. Er verliert bei „Schlag den Raab“, referiert vor Managern über seinen Lebensweg, gibt Judo-Lehrgänge für Kinder und verdient gutes Geld.

„Du warst kein Arsch“

Vier Jahre lang gelingt es ihm, seinen Ruhm zu genießen und wenig auszulassen. Am Ende reißt er sich noch einmal zusammen. 2012 kommt er bei den Olympischen Spielen von London wieder ins Finale – gegen den gleichen Gegner. Doch diesmal verliert er gegen Kim Jae-Bum. In Erinnerung bleibt von dem Turnier aber das hässliche Halbfinale gegen den Amerikaner Travis Stevens. Der hatte den Altstar provoziert, verlor dennoch, heulte danach in die Matte. Und Bischof? Bischof ging auf die Knie, um auf Augenhöhe zu sein, beim Verbeugen. Das kommt im Judo nicht allzu häufig vor. „Ole war im Kampf zwar egoistisch und hat den Armhebel bis zum Limit angesetzt, aber die Werte des Judo hat er sehr gepflegt“, sagt Alexander von der Groeben.

2012 provoziert Travis Stevens (rechts) den Altstar

Dann trägt er Verband

Und genau jene Werte haben Bischof wohl auch den Weg zum Olympiasieg 2008 geebnet. Damals, im Halbfinale von Peking, blutete Bischof aus der Nase. Der ukrainische Gegner war unabsichtlich mit ihm zusammengestoßen. Zweimal musste der deutsche Teamarzt die Blutung stoppen. Beim dritten Mal wäre Bischof disqualifiziert worden. „Sekunden vor Schluss, man sieht es kaum, löst sich der Pfropfen wieder und es bildet sich ein großer Tropfen Blut unter der Nase“, erzählt Bischof. „Der Kampfrichter schaut schon. Ich ziehe das Blut hoch und schlucke es runter. Dann war der Kampf vorbei, ich habe gewonnen, komme ins Finale und danach ändert sich alles in meinem Leben.“

Ein paar Monate später hat Bischof den Kampfrichter noch einmal getroffen und gefragt, warum er ihn damals nicht disqualifiziert hatte. „Ich hatte Dich in den letzten zehn Jahren beobachtet. Du warst fair, hast niemandem vors Schienbein getreten, hast gegrüßt und warst kein Arsch“, antwortete der Holländer. Er hätte es als unverdient empfunden, Bischof von der Matte zu nehmen. „Ich könnte sagen, dass ich alles richtig gemacht habe“, sagt Bischof heute. „Aber dieser Mensch hat über meinen ganzen Lebensweg mitentschieden.“

Die Bilder von Peking verblassen allmählich. Es gibt neue Olympiasieger. Gespräche über das Turnier führt Ole Bischof nur noch selten. Heute ist er Consultant bei einem renommierten Unternehmensberater. Seine Anzüge sind nun aus feinerem Stoff. Aber maßgeschneidert sind sie noch immer.

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